Annas Bücher
Die
Schlange von Amegien
ISBN: 3-938607-22-X
1. Auflage Auflage 2005/04 bei Engelsdorfer Verlag
Preis: 18,00 EURO
Leseprobe aus "Die Schlange von Amegien"
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Die
grünen Gestalten zogen mich durch diese Tür, im gleichen Moment
stürzten
Farben, Geräusche, Gerüche und Eindrücke in solcher Wucht auf
mein
Wahrnehmungsvermögen ein, dass ich schützend einen Arm vors
Gesicht
heben wollte, doch die beiden Roboter duldeten es nicht. So
musste
ich halb benommen von all der Vielfalt alles mit mir geschehen
lassen.
Die beiden Geschöpfe begannen schneller auszuschreiten. Ich
würde
über allerlei Unebenheiten geschleift. Das war ziemlich unbequem
und
schmerzhaft.
Das
Durcheinander um mich war exotisch, es gab alle möglichen und
unmöglichen
Farben, Formen und Gebilde, die ohne jeglichen Zusammenhang
durcheinander
wirbelten und sich mischten. Ebenso war es mit
den
Geräuschen und den Gerüchen. Aber außer dem Boden bekam ich
keine
von diesen Dingen näher zu spüren.
Die
Reise durch dieses Chaos dauerte nur kurz. Die seltsamen Gestalten
schienen
ein Ziel zu haben, das, wie ich gleich feststellen sollte, ein Palast
war.
Der
größte Palast, den ich je zu Gesicht bekommen hatte, erstreckte sich
vor
mir. Es handelte sich auch um ein sehr farbenfrohes Gebäude, alle
möglichen
Farben prangten von den Mauern herunter, aber der Palast ging
nicht
unter in den neben liegenden Gebilden, er hatte etwas Überragendes
an
sich, was ihm ins Auge des Betrachters prägte.
Meine
zwei Entführer zerrten mich durch eine riesige Eingangshalle, die
durch
Farbenvielfalt durch nichts zu übertreffen war.
Ich
wurde erbarmungslos eine Treppe hoch geschleift und landete in einem
erstaunlich
schlichten Raum, der mit weißen Matten, einem kleinen
schwarzen
Tisch und gelben Wänden relativ dezent wirkte.
Die
grünen Wesen platzierten sich vor der Tür, und ich nahm auf eine der
Matten
Platz.
Fast
augenblicklich war ein melodischer Pfeifton zu hören, der sich einige
Male
wiederholte. Der Raum wurde von einem dichten Nebel verhüllt. Es
war
ein so dichter Dampf, dass ich keinerlei Einzelheiten identifizieren
konnte,
sein Ursprung war mir genauso rätselhaft, denn von der Tür kam
er
keineswegs. Der Nebel verschwand schlagartig. Ich blinzelte ein wenig
verwirrt
und gewahrte eine Bewegung schräg hinter mir. Ich fuhr herum.
An
der Wand saß auf der Matte eine seltsame Gestalt. Sie hatte einen
langen
Schleier um ihre Gliedmaßen geschlungen, nur der Kopf war frei.
Das
Wesen hatte ein strahlend weißes, sehr schmales Gesicht, in dem zwei
purpurne
Augen glänzten. Ich erinnerte mich an Gweneths Warnung vor
den
Wesen mit purpurnen Augen. Durchsichtige Federn bildeten die
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Kopfbedeckung
des Wesens, dabei war es zweifelhaft, ob das ein eigenes
Körperteil
oder nur Kopfschmuck war. Es hatte einen sehr kleinen Mund
mit
golden schimmernden Lippen, die anders als beim Menschen nicht in
der
Mitte breiter wurden, sondern schmaler. Die Mundwinkel waren mit
kleinen
Perlen geschmückt. Eine Nase war nicht zu entdecken, ebenso
wenig
wie die Ohren.
Das
Wesen musterte mich ebenfalls kritisch. Ich bemerkte, dass es keine
Augenlider
hatte, sondern schuppige Vorhänge, die bei Bedarf einfach vor
das
Auge gezogen wurden.
Plötzlich
begannen die durchsichtigen Federn auf dem Kopf zu tanzen.
Und
ohne den Mund zu öffnen, sprach das Wesen mit hoher singender
Stimme.
„Du
bist im Land der Sinne.“
Diese
Feststellung entlockte mir ein Schmunzeln. Also, da war ich
gelandet.
Treffender Name!
Das
Wesen räusperte sich vernehmlich, dabei schob sich eine schmale
weiße
Hand mit vier Fingern aus dem verhüllenden Schleier.
Ich
wagte eine Frage: „Wer bist denn du?“
Die
purpurnen Augen glitzerten listig. „Man nennt mich Jondey. Ich bin
sehr
hochgestellt“, entgegnete es mit seiner hohen Stimme. „Ich bin ein
Sokolo“,
fügte es gewichtig hinzu. Was ein Sokolo sein sollte, wollte ich
mir
lieber nicht gleich überlegen.
Jondey
schaute mich etwas streng an. Vielleicht konnte es auch Gedanken
lesen.
Probeweise dachte ich an ein Messer unterm Hemd. Keine
Reaktion.
Jondey
meldete sich wieder zu Wort: „Du bist unsere Gefangene. Da du
von
der Erde stammst, werden wir einige Versuche mit dir durchführen.
Wir
hatten noch nie jemanden von der Erde zu Besuch.“
Mit
diesen Worten umhüllte uns abermals der Nebel und als er sich verzog,
war
das sonderbare Geschöpf verschwunden.
Ich
spähte nach draußen. Die zwei klobigen Wächter standen nach wie
vor
zu beiden Seiten der Tür. Ihre roboterhaften starren Augen kreuzten
sich
genau vor dem Ausgang.
An
Flucht war nicht zu denken.
Ich
übte mich mal wieder in Warten, obwohl ich am liebsten aufgesprungen
wäre
und gehandelt hätte – bloß in welcher Weise, war mir unklar.
Stunden
schienen vergangen zu sein, als vor meinem Gefängnis Getümmel
ausbrach.
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Ehe
ich irgendwie reagieren konnte, betraten zwei gewichtig aussehende
Personen
den Raum. Beide waren groß und stattlich, steckten in
schwarzen
Gewändern und hatten schneeweißes Haar, das bis zu den
Schultern
herabbaumelte. Da hörte auch schon die Ähnlichkeit auf. Der
eine
hatte ein herbes, vierkantiges Gesicht mit einer Hakennase und
schnee-weißen
Augenbrauen. Das Unmenschliche an ihm waren zwei
schmale
Tunnel anstelle der Augen. Diese Tunnel waren so tief
hineingebohrt
worden, dass ich nur ganz am Ende ein klein wenig Blau
schimmern
sah. Der zweite Schwarzgewandte hatte nicht minder etwas
Furchterregendes
an sich. Er hatte zwar das Gesicht eines Jünglings, aber
das
wurde durch einen Mund unterhalb des Kinns vereitelt. Dieser Mund
war
so verformt, das man nur etwas Schwärze dahinter erahnen konnte.
Zwischen
sich schleppten die beiden Schreckensgestalten eine kleine
Sänfte,
die vollkommen rot angestrichen war und schwarze Vorhänge hatte,
die
mir wie lebendige Wesen entgegen schlängelten.
Ich
war bis an die äußerste Ecke zurückgewichen und starrte den Tunneläugigen
gebannt
an. Er stand mir am nächsten.
Ohne
ein Wort zu sagen, hob der Ältere die Hand. Sie war krallenförmig
und
intensiv violett. Von ihr lösten sich drei violette Strähnen und zogen
sich
in die Länge.
Alle
gleichzeitig erreichten mich die Strahlen und stemmten mich in die
Luft,
sie saugten sich einfach an meiner Kleidung fest und stiegen höher,
ohne
sich durchzubiegen. Als ich immer näher an den lebenden Vorhang
kam,
begann der unheimliche schwarze Stoff zu wallen und griff nach mir.
Schon
hatte der schwarze Stoff mich übernommen und ins Innere der
Sänfte
bugsiert. Ich war überrascht, festzustellen, dass das Innere ebenso
grau
wie das Äußere rot war. Es gab keinerlei Komfort, so blieb ich auf
dem
Boden sitzen. Die Vorhänge schoben sich so vor die Ausgänge, dass
ich
nicht sehen konnte, wohin die Reise ging.
Es
dauerte nur kurze Zeit, dann wurde ich ziemlich unsanft hinausgestoßen.
Vor
mir stand eine absonderliche Maschine, die mit vielen
Hebeln,
Kabeln, Schaltern und Lämpchen versehen war, sie machte einen
überaus
furchteinflößenden Eindruck. Wie ich mit einem Rundblick
feststellte,
befand ich mich in einem Kellerraum mit Betonwänden und –
decke.
Neonröhren warfen ein kaltes unpersönliches Licht auf die
Szenerie.
Die zwei Schwarzgewandten standen hinter mir und schienen
über
etwas zu debattieren. Sie erzeugten raue und unmelodische Rufe,
deren
Sinn mir verwehrt blieb. Dabei gestikulierten sie wild mit ihren
violetten
Händen.
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Endlich
schienen sie sich geeinigt zu haben. Sie wandten sich mir zu und
starrten
mich an. Unwillkürlich wich ich einige Schritte zurück, das löste
sie
in helle Aufregung aus, sie schrieen sich gegenseitig wild rumfuchtelnd
zu.
Ich wich bis an die Wand zurück, derweil regten sie sich noch mehr
auf.
Ich
hatte es satt: „Was soll das? Habt ihr noch nie einen Menschen gehen
sehen?“
Die
beiden waren einem Herzanfall nahe, so sehr echauffierten sie sich.
Ich
dachte mir, dass sie wohl wirklich keine Ahnung von Erdenleben hatten.
Sie
dachten vermutlich an unintellektuelle Wesen, die sich nicht vorwärts
bewegen
können und ihr Dasein auf der Stelle fristen.
Dieser
Gedanke ließ mich ironisch lächeln, woraufhin die beiden Gelehrten
noch
wüstere Schreie ausstießen.
Dann
stürzten die beiden Gesellen fluchtartig aus dem Kellerraum, wobei
sie
umsichtig die Tür hinter sich zusperrten.
Ich
wanderte langsam im Raum herum, wagte nicht, die Maschine zu
berühren,
es könnte ja etwas Unvorstellbares passieren. Die Tür war aus
massivem
Beton und hatte keine Schlösser oder Klinke.
Die
Sänfte stand total reglos an der Wand. Es war sehr ruhig.
Um
so erschreckter war ich, als ich hinter mir ein knallendes Geräusch
hörte.
Ich wirbelte herum.
Woher
Anj von Thales denn herkam, mag wissen, wer will. Jedenfalls
stand
sie da wie aus dem Erdboden gewachsen. In ihrer Hand steckte ein
langer
Dolch, zum Zustechen bereit.
Ich
musste angesichts ihrer drohenden Erscheinung lachen.
Anj
schien mich erst jetzt wahrzunehmen. Sie sog die Luft ein und
steckte
die Waffe zurück in die Lederscheide. Statt des weißen Hemdes
trug
sie eine Art kurzer, eng anliegender Jacke aus Wasser abweisendem
Stoff,
die in rot und blau das Neonlicht widerspiegelte.
„Ist
dir klar, was für ein heilloses Chaos dein Verschwinden hervorgerufen
hat?“,
fragte sie mit ihrer rauchigen Stimme, die weder Tadel noch
Belustigung
andeutete. Prüfend schaute ich in ihr Gesicht. Sie gab nach,
und
ein kleiner Funke von Schalk blitzte aus den steingrauen Augen. Dann
wurde
sie wieder ernst.
„Ob
Gweneth Ärger bekommen hat, brauchst du nicht erst zu fragen. Ich
war
so maßlos wütend, dass ich ein Buch sozusagen aus Versehen herumschwirren
ließ.
Leider traf es nicht ihren Kopf. Sie hat doch tatsächlich
absichtlich
alles in die Wege geleitet. Das mit dem Stuhl und dem selbstständig
gewordenen
Spiegel und dem Gefäß. Mir sagte sie, es war nur eine
Probe.
Von wegen!“
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Anj
schien es nicht zu wundern, dass ich allein und frei herumging. Als
ich
sie darauf ansprach, lachte sie.
„Ich
habe durchaus erwartet, dass die sich aufregen werden, weil es auf
der
Erde intelligentes Leben gibt. Ich befürchtete nur, eine dieser grünen
Maschinen
sei hier. Mit denen muss man vorsichtig sein.“
Noch
während sie sprach, registrierte ich, die ich zur Tür gewandt stand,
dass
zwei purpurne Strahlen die Betontür durchdrangen. Sie zögerten
einen
kleinen Moment, dann schossen sie blitzartig vorwärts. Anj, deren
Aufmerksamkeit
nicht nachgelassen hatte, machte einen bühnenreifen
Satz
zur Seite. Die Strahlen gingen an ihr vorbei und prallten an der gegenüberliegenden
Seite
ab. Zu meiner Bestürzung steuerten sie jetzt auf mich
zu,
und zwar in solch rasender Geschwindigkeit, dass ich kaum erkennen
vermochte,
wohin sie zielten. Ich tat es Anj nach und landete auf Händen
und
Knien neben ihr. Die purpurnen Strahlen nahmen sofort Kurs auf
meinen
Kopf. Ich hatte keine Zeit mehr zu verlieren, ich krümmte mich
und
verbarg den Kopf in der Armbeuge. Die Strahlen hielten mysteriöserweise
vor
der Stelle an, wo mein Kopf gewesen wäre. Sie schienen einfach
in
der Luft zu verharren. Als ich aufsprang, änderte sich das jedoch.
Schlagartig
begannen die Strahlen herumzuwirbeln, ohne ein Ziel anzusteuern.
Eben
da waren sie sehr gefährlich. Anj zog mich in eine Ecke und
kauerte
sich auf den Boden. Ich hockte mich neben ihr und, ohne die
Strahlen
aus den Augen zu lassen, flüsterte ich: „Wie kommen wir hier
wieder
weg?“
In
diesem Moment öffnete sich die Tür und Jondey trat ein. Er war –
wenn
das überhaupt noch ging – noch blasser. Sein schleierhaftes Gewand
schlug
um einen nicht sichtbaren, aber doch vorhandenen Körper.
Sogleich
bei Jondeys Eintritt hörten die purpurnen Strahlen auf, uns zu
attackieren.
Sie lösten sich einfach in Luft auf. Anj sprang auf. Jondeys
schmales
Gesicht verriet Besorgnis. Anj derweil herrschte ihm an: „Jondey,
was
fällt Ihnen eigentlich ein? Wollen Sie denn eins dieser Probleme heraufbeschwören,
die
wir das letzte Mal hatten?“
Jondeys
Gesicht spiegelte eine Mischung aus Kummer und Trotz wider,
als
er sagte: „Ach, die Herrin von Amegien hat sich hierher bemüht.
Wusste
nicht, dass ihr das wichtig ist ...“
„Jondey!
Ich will mir nicht dein Geschnatter anhören müssen. Bring uns
wieder
zum Schacht, sonst vergesse ich meine Manieren.“
Ich
musste mir mit Mühe ein Lachen verkneifen, Anj von Thales und
Manieren
vergessen?
Jondey
war vernünftig genug, dieser Drohung gleich Abhilfe zu leisten
und
brachte uns unverzüglich zum Schacht.
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Die
Reise nach oben dauerte fürwahr sehr lange, und Anj schwieg die
ganze
Zeit verbissen. Ich versuchte, sie mit Fragen aus der Reserve zu
locken,
aber vergebens.
Unversehens
erschien über unseren Köpfen eine spiegelnde Glastür,
schon
flogen wir hindurch.
Statt
wie erwartet in der Zauberhöhle, landeten wir in dem Raum, in dem
mich
die Königin das erste Mal empfangen hatte. Es war inzwischen
fortgeschrittener
Vormittag, die Sonne fiel mit ihrem kupfernen Licht in
den
Salon ein. Anj ließ sich auf den Diwan fallen und streckte sich aus. Ich
blieb
stehen.
Anj
seufzte. „Du wunderst dich vermutlich, warum wir hier gelandet
sind.
Das will ich dir erzählen: Nachdem Gweneth den Schlamassel
zustande
gebracht hatte, lief sie zu mir. Sie wusste meinen Zorn zu
fürchten.
Nachdem ich mich abreagiert hatte – und nebenbei gesagt, das
nicht
gerade friedlich – machte ich mich auf den Weg ins Land der Sinne,
was
gar nicht so einfach ist. Da ich denselben Spiegel benutzte wie du, war
es
für mich nur eine Anstrengung von fünf Minuten. Anhand der magischen
Gedankenkraft
konnte ich mich an den Ort begeben, wo du dich
auch
befandest. Man kehrt normalerweise an den gleichen Ort zurück, wo
man
seine Reise beginnt.“
Diese
Rede war meines Erachtens nach ganz schön emotionslos. Anjs
Stimme
verriet nicht die mindeste Wut, nicht irgendeine Gleichgültigkeit,
einfach
nichts.
Ich
schaute sie zögernd an.
Behände
schnellte sie plötzlich hoch und schoss an mir vorbei zu eine der
Türen,
die in diesem Moment aufging. Ein paar rasche Worte, und sie warf
die
Tür mit solcher Wucht zu, dass das Holz knarrte.
Ohne
mich noch eines Wortes zu bedenken, öffnete sie eine andere Tür
und
ging hinein. Sie schloss sie hinter sich, und ich hörte das einrastende
Geräusch
eines Schlüssels.
Seufzend
stand ich da und überlegte, was ich tun sollte. Hier bleiben?
Wozu,
Anj war das anscheinend gleichgültig. Also abhauen? Kannte den
Weg
doch nicht. Mir fiel der Plan ein, der noch immer in meiner
Jeanstasche
steckte. Ich holte ihn hervor und musterte ihn genau.
Kurz
entschlossen machte ich mich auf den Weg, den spiralförmigen
laubgrünen
Gang entlang, die Galerie und dann die Treppe runter.
Eine
junge Frau begegnete mir unterwegs, ich wollte mich an ihr vorbeischieben,
aber
sie hielt mich am Ärmel zurück. Sie sah Anj so ähnlich, dass
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ich
gleich an ihre Tochter denken musste. Zwar hatte sie ihr längeres,
gewelltes
Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Es fehlten auch die
Schatten
um die steingrauen Augen. Und dennoch, eine gewisse Ähnlichkeit
war
nicht auszuschließen. Sie war mager und sehr groß, trug Jeans
und
die üblichen Lederstiefel, dazu eine jungenhafte karierte Bluse.
Sie
musterte mich eingehend. „Carol-Henriette“, stellte sie sich schließlich
vor.
Ich
nannte ihr ebenfalls meinen Namen. Carol-Henriette sagte: „Kommst
du
von der Königin? Ich bin ihre erste Tochter.“
Ich
erzählte ihr von meiner Reise ins Land der Sinne und Anjs Reaktion.
Ich
schloss mit den Worten, ich wüsste nicht, was ich noch dort oben tun
solle.
Carol-Henriette
wollte etwas erwidern, als jemand meinen Namen rief.
Ich
drehte mich um und entdeckte Chris Doming, die mit atemberaubender
Geschwindigkeit
auf mich zuflog. Sie bremste elegant ab und
verkündete:
„Ich suche dich schon eine halbe Ewigkeit. Du musst wieder
zur
Bekleidungshöhle kommen.“
Mir
war es peinlich, und an Carol-Henriettes abschätzigem Lächeln sah
ich,
dass sie das wusste. Ich verabschiedete mich flüchtig von ihr.
Die
Halbelfe lotste mich zur besagten Höhle.
Ich
ließ mir ein Kleiderbündel aushändigen, legte es in meinem Zimmer
ab
und machte mich auf die Suche nach Anjej, Danyelle und Carol.
Da
ich sie nirgendwo entdecken konnte, beschloss ich, einen Bummel
durch
die Gänge zu machen.
Ohne
den Plan zurate zu ziehen, wanderte ich Gänge entlang, spähte in
Korridore,
kletterte steile Tunnel hinauf und wieder hinunter. Bald hatte
ich
die Orientierung vollends verloren. Dieser Teil des Labyrinths wimmelte
nur
so von sehr engen kurzen Tunneln, die mehrere Seitenwege enthielten.
Offenbar
gingen sie ständig ineinander über. In manchen Gängen
befanden
sich dunkle Höhlen, die ich lieber nicht näher untersuchte. Da
und
dort gab es magisch verschlossene Eingänge. Es gab keine Flechtvorhänge.
Ich
wanderte gerade mal wieder einen dieser kurzen, engen Tunnel entlang,
als
ich überraschenderweise in eine kleine Höhle trat.
Die
Höhle war dunkel, bis auf das andere Ende. Dort war vor einer Öffnung
ein
gelber Vorhang gespannt, durch den ein helles Licht fiel. Die
Höhle
verengte sich an dieser Stelle wieder so stark, dass nur eine einzige
Person
durch den Vorhangsteil treten könnte, der sich ihr präsentierte.
Dass
der Vorhang in der Öffnung nur einen kleinen Teil des eigentlichen
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Stoffumfangs
darstellte, konnte ein genauer Beobachter an der Höhlendecke
feststellen,
wo der Stoff weiter nach oben führte.
Die
Neugierde trieb mich, an diesen Vorhang zu treten. Direkt vor dem
Stoff
am Boden befand sich eine große Steinstufe, wie perfekt zum Hinsetzen
geeignet.
Ich
ließ mich vorsichtig nieder und schob behutsam den Samtstoff ein
wenig
zur Seite.
Vor
mir lag ein Steinboden, der sich nach oben hob. Ganz am erhöhten
Ende
war ein weiterer Spalt, der mit einem blauen Stoff bedeckt war, und
dahinter
konnte ich Stimmen vernehmen.
Als
ich meinen Blick nach oben lenkte, fand ich meine Vermutung
bestätigt.
Der riesige Vorhang hing hoch oben über mir, dicht neben einem
Spalt
im Fels, durch den die kupferne Sonne schien. Doch der Spalt war so
weit
weg, dass die Sonne wie ein winziger Glutball aussah. Das Erschreckendste
aber
war schräg oben ein Felsvorsprung, auf dem erstarrte
Gestalten
standen. Es handelte sich um ursteinzeitliche Statuen aus Stein,
die
mit ihren blicklosen schwarzen Augen herunterstierten. Es waren groteske
Wesen,
vier oder fünf Stück. Man konnte nicht erkennen, was für
Geschöpfe
Amegiens es waren.
Ich
saß einen Moment starr vor Schreck da und schaute die alten Figuren
an.
Dann begann ich, so schnell wie möglich auf den gegenüber liegenden
Spalt
zuzukriechen. Die Stimmen wurden lauter, es handelte sich unzweideutig
um
Menschen.
Kurze
Zeit später hatte ich die andere Seite erreicht. Ich kauerte mich vor
dem
blauen Stoff zusammen und lauschte.
Ganz
offensichtlich gab es dort eine rege Debatte, was schon eine Untertreibung
war,
die beiden Personen stritten sich auf das Heftigste.
„...
das ist eine hirnrissige Idee! Das würde doch aus Prinzip nicht klappen!“
„Was
würdest du denn sonst machen? Die Koma-Ebenen können wir
doch
nicht auf diese Art erreichen!“
Es
dauerte eine Weile, bis ich die letztere sehr aufgebrachte Stimme als
die
von Natalia Rubiner identifizierte. Die andere Frau schien mir bislang
noch
nicht begegnet zu sein. Ich hörte weiter zu.
„Die
Koma-Ebenen sind sehr gefährlich, von den Zauberbergen mal abgesehen!
Und
Mereder ist ein sehr listiger Zauberer! Willst du dieses Risiko
wirklich
eingehen? Allein der Gedanke an Jana Sells Gesicht, wenn sie
davon
erfährt, sollte dich schon belehren!“
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Die
andere Frau war außer sich. Natalia Rubiner brüllte nicht annähernd
so
laut, aber dennoch hörte man ihre Wut deutlich heraus:
„Hör
zu, Anja Badain. Wenn wir die Katakomben benützen, nützt uns
das
auch nicht viel. Aber wenn wir eine Opferbahn ...“
Anja
Badain unterbrach sie: „Nur um Mereders erste Angriffe abzulenken,
finde
ich eine derartige Aufbietung töricht! Die Katakomben können auch
nichts
ändern, aber eine Opferbahn ...“
Natalia
Rubiner schien die Geduld zu verlieren. „Es ist sowieso egal.
Mereder
tötet immer mehrere Personen. Mit einer Opferbahn könnten wir
ihn
wenigstens ablenken.“
Anja
Badains Stimme hob sich noch um einiges: „Ja, und wer soll diese
schändliche
Aufgabe übernehmen? Ich weiß niemanden, der freiwillig für
Mereder
ins Feuer rennen würde! Es sei denn ...“
Ich
vernahm, wie eine Tür heftig aufgerissen wurde. Schnelle Schritte
stürmten
in den Raum und eine Männerstimme rief: „Anja Badain! Hören
Sie
auf, hier rumzubrüllen! Anja Verome sitzt vor dem Vorhang und lauscht!“
Ich
erstarrte. Woher wusste der Mann von meiner Anwesenheit?
Noch
ehe ich kehrtmachen und hinter den gelben Vorhang die Flucht
ergreifen
konnte, wurde der blaue Vorhang zur Seite gerissen. Natalia
Rubiner
packte mich am Arm und zerrte mich durch den Spalt in den
Raum
hinein.
Der
Raum war groß und holzgetäfelt, es standen keine Möbel drin. Zwei
schwarze
Türen gingen in Nebenräume aus. Der Mann, der die Warnung
ausgerufen
hatte, lehnte an der Wand zwischen den beiden Türen. Er
hatte
blondes Haar und sah im Übrigen aus, wie diese Männer aus der
Werbung.
Nur dass sein Gesicht schon einige Fältchen vorzeigte.
Anja
Badains Gesicht sah man keinerlei Regung an, die Stellvertreterin
Anjs
schien nicht einmal überrascht oder ärgerlich. Ganz im Gegensatz zu
Natalia
Rubiner, deren Miene aufbrausenden Zorn verriet. Eigentlich hatte
ich
– nach dem, was ich gehört hatte, zu urteilen – eine wütende Anja
Badain
und eine gelassene Natalia Rubiner erwartet.
Ehe
Natalia Rubiner auf mich losgehen konnte, was sie zweifellos beabsichtigt
hatte,
sagte Anja Badain ruhig: „Du weißt ja schon, wer ich bin.
Das
hier ist König Julius XVI. von Berg.“
Der
Mann schenkte mir ein kurzes Lächeln. Man sah ihm deutlich die
Königswürde
an, aber er wirkte nicht hochmütig.
Anja
Badain hatte eine hohe Statur mit der dazu gehörigen schlanken
Figur.
Ihr strähniges braunes Haar umrahmte ihr ebenmäßiges Gesicht.
Ihre
grünen Augen hatten etwas Herablassendes an sich, wie eine Katze,
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was
sich aber nicht zu sehr ausdrückte. Ihr Gesicht wäre ohne diese
Augen
unscheinbar gewesen, denn die Augen verliehen ihm einen unbestimmten
Reiz.
Sie steckte in einer schwarzen Uniformjacke mit blanken
Silberknöpfen,
die bei jedem Lichteinfall glänzten.
Der
König von Berg hatte seinen schlichten grauen Umhang ein wenig um
sich
geschlungen, die Haltung militärisch und gestreckt, dennoch schaffte
er
es nicht, die Stellvertreterin der Königin zu überragen, dafür konnte er
durchtrainierte
Muskelpakete aufweisen.
Anja
Badain musterte mich unverhohlen. Natalia Rubiners orange
Haarlocken
kräuselten sich noch stärker in alle Richtungen, vor Wut
wahrscheinlich.
Anja
Badain sagte: „Von Ann Croydon weiß ich von deinen Lauschangriffen.
Aber
jetzt kommst du nicht so glimpflich davon, dem sei gewiss.“
Julius
XVI. meldete sich zu Wort: „Mir fiele schon eine Strafe ein: Nehmt
sie
doch mit auf den Feldzug nach Colois. Da wird ihr schon das Fürchten
beigebracht
werden, vor allem in den entsetzlichen Zauberbergen.“
Natalia
Rubiner machte ein missmutiges Gesicht, wohl stand jetzt fest,
dass
sie weder die Katakomben noch irgendeine Opferbahn durchsetzen
würde.
Anja
Badain überlegte. „Ein schlechter Vorschlag ist das durchaus nicht.
Aber
bedenke, sie hat keine Erfahrung, mit Monstern vor allem nicht.“
Der
alte König entgegnete: „Dann sammelt sie halt dort welche. Und sie
wird
so oder so Kontakt mit Monstern bekommen, mit oder ohne
Teilnahme
am Feldzug.“
Anja
Badain grinste. „Hast ja Recht. Okay, ich spreche mit der Königin.“
In
diesem Moment ertönte der Gong zum Mittagessen.
Anja
Badain warf mir einen belustigten Blick zu. „Wir essen alle zusammen
im
Speisesaal. Also los, gehen wir, ich brauche etwas zwischen die
Zähne.“